15 Jahre Kultur im Bahnhof in Biesenthal

 

Kennen Sie Lisa Eckhardt? Das ist diese junge, sehr eloquente und erfolgreiche österreichische Kabarettistin, die kürzlich überall in den Medien war, weil sie in ihrem Programm vor nichts und niemandem Respekt hat und damit etwas aneckte. Und sagt Ihnen der Name Marian Gold etwas? Genau, der Sänger von Alphaville, bekannt durch die Songs „Big in Japan“ und „Forever young“.
Was haben die beiden Künstler*innen gemeinsam? Sie sind beide schon im Kulturbahnhof aufgetreten! Lisa Eckhart war bei einem unserer ersten Poetry Slams im November 2014  zusammen mit Julia Eckert die Gewinnerin des Abends. Und Marian Gold trat mit seiner Band „Sputnik Roadhouse“ im September 2012 auf dem alljährlichen Straßenmusikerfest auf.

Normalerweise können wir uns solche Stars natürlich nicht leisten, zum Glück war Lisa Eckhardt damals noch am Anfang ihrer Karriere (aber trotzdem sehr beeindruckend!) und Marian Gold, nun gut, den kannte jemand von uns gut, und dann konnten wir ihn überreden. Und es hat ihm Spaß gemacht!

Das sagen übrigens nahezu alle Künstler*innen, die bei uns auftreten. Sie freuen sich über die familiäre Atmosphäre, die vorbeifahrenden Züge ( die natürlich oft kommentiert werden und für Lacher sorgen), das begeisterte Publikum und über den leckeren Biesenthaler Honig, den alle als kleines Dankeschön am Schluss überreicht bekommen.

Café, Kino oder Konzerte? Oder alles?

15 Jahre sind eine lange Zeit… 2005 verfiel der Bahnhof immer mehr, die Gaststätte war seit einigen Jahren nicht mehr im Betrieb, der Bahnhof selbst verlor seine Funktion schon 2001. Die Bahn wollte ihre Immobilien loswerden, die nicht mehr genutzt wurden und sie nur Geld kosteten. Ein kleiner Zettel klebte in einem der Fenster zum Bahnhofsplatz mit einer Telefonnummer. Und der Ankündigung, dass der Bahnhof gegen Gebot verkauft werden würde. Im damaligen Restaurant „Salute“ trafen sich 20 Leute und beratschlagten, was man mit so einem Gebäude alles anstellen könnte. Es wurden viele Ideen entwickelt, auch in den nächsten Monaten. Ein Kulturhaus mit Café, Bücherei und Kinderbetreuung. Ein Kino! Oder ein Konzertsaal? Ein Sporthalle… So viele Ideen. Auf jeden Fall sollte ein Gebot abgegeben werden, beschloss die Versammlung.

Ich weiß nicht, wie viele von den 20 Freunden und Freundinnen wirklich daran geglaubt haben, dass man mit 5.000 Euro einen ganzen Bahnhof kaufen kann. Aber erstaunt waren alle, als es dann doch klappte!

Wir gründeten schnell einen Verein und feierten Silvester 2005/2006 unsere erste Party in unserem Kulturbahnhof. Mit vielen Kindern, die sich vor allem für ein geheimnisvolles zweites Stockwerk in der Rumpelkammer neben der Küche interessierten. Jede/r packte mit an, um den Bahnhof bespielbar zu machen. Der Dachboden und der Keller wurden entrümpelt, die Tapete in der ehemaligen Wohnung im ersten Stock mit den Zeitungsausschnitten zu Lady Dianas Tod wurde bestaunt und Bahnhofslaternen und andere Schätze gesichert.

Vieles davon können sich Besucherinnen und Besucher in den nächsten Wochen im Kulturbahnhof ansehen. Eine Gruppe von alten und neuen Bahnhofsmitgliedern hat sich zusammengefunden und alte Zeitungsausschnitte, Videos und Fotos gesichtet und eine Ausstellung über die 15jährige Geschichte des Kulturbahnhofs zusammengestellt. Am 1. November öffnen wir den Bahnhof für das Publikum.

Spielzeuginstrumente, IG Blech und Speed-Folk aus Russland

Doch nicht nur Lisa Eckhardt und Marian Gold haben bei uns gespielt. Auf dem Straßenmusikfest, das seit 2006 jedes Jahr (bis leider auf dieses Jahr) stattgefunden hat, kamen viele Bands und Musiker*innen zu uns. Unvergesslich die Band Orchestre Miniature in the Park mit ihren Spielzeuginstrumenten und den Liedern über die Sonne. Oder die Blechbläserband aus Berlin „IG Blech“, die auch schon auf diversen Demonstrationen eingeheizt haben. Oder die Band um Dr. Bajan, die mit ihrem wahnsinnig schnellen Urban-speed-Folk aus Russland die Gäste zum Tanzen brachten.


2013 und 2014 waren dann zwei sehr wichtige Jahre für den Bahnhof. Acht Jahre lang mussten für allen Veranstaltungen im Winter morgens erst einmal die Kachel-Öfen angeworfen werden. 2013 erhielt der Bahnhof Fördermittel im Rahmen der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) und von der Stadt Biesenthal und so bekam nicht nur der ganze Bahnhof eine neue Heizung, sondern auch gleich noch eine neue Fassade und neue Fenster.

Danach stieg die Nutzung des Bahnhofs sprunghaft an. Die Lokale Agenda 21 beschloss ein Repaircafe einzuführen, in dem Feargal Parkes und seine Mitstreiter*innen ein bis zweimal im Monat helfen kaputte Dinge wieder zum Leben zu erwecken. Josephine Löwenstein startete mit ihren Yoga-Kursen, die jetzt im Rahmen der Volkshochschulkurse bei uns laufen. Wir hatten viele Jahre den Kinderzirkus Wucki-Zucki bei uns. Es gab Qigong und Fitnesskurse im Kulturbahnhof und seit vielen Jahren begeistert Marianne Freyer am Mittwoch Vormittag bis zu 25 Frauen mit ihren internationalen Tänzen. Die Gruppe tritt auch bei Tanzfestivals auf. Freitag Vormittag trifft sich eine Gruppe um mit Claudius Loga Taiji zu üben.

Bücher, Bücher, Bücher!

Seit Mai 2014 gibt es eine kleine Außenstelle des Kulturbahnhofs. Auf dem Wiesenstück neben der Bushaltestelle am Bahnhof steht eine gelbe Telefonzelle. Täglich wechseln dort Bücher ihren Besitzer und ihre Besitzerin. Anstelle eines Telefons sind Regalbretter in die Rückwand eingebaut, die sich unter den gespendeten Büchern fast schon biegen. „Bring ein Buch, nimm ein Buch. Oder bring auch kein Buch.“ ist die Devise der „Bücherzelle“. Die Bücherzelle ist immer offen. Man kann beim Warten auf den Zug mal schnell reinschauen oder nachts beim Gassigehen mit dem Hund.

Man könnte noch viel über den Bahnhof erzählen. Über die Lesungen von Ines Geipel, Sasha Marianna Salzmann, Marion Brasch und Uwe Preuss. Über die Konzerte von „Two against one“ (Tom Waits-Hommage), die Songs des irischen Folkmusikers Ben Sands, die soulige Stimme der Sängerin Lena Schmidt der „Wilden Kinder“ („Les Enfants Sauvages“), die unvergesslichen Konzerte der Bernauer Ska-Bands „Pyjamas“ und „Bandylegs“.

Seit Anfang 2006, also nun auch schon seit 15 Jahren nimmt der Kulturbahnhof an der Ökofilmtour teil. Wir zeigen im Rahmen der Tour Filme in den Grundschulen und im Bahnhof über Umwelt, Naturschutz, regenerative Energien und allem, was zu diesem wichtigen Thema gehört. Bei jedem Film gibt es die Möglichkeit danach mit Fachleuten oder Machern des Filmes zu sprechen und das Thema zu vertiefen.

Seit vielen Jahren organisiert die Lokale Agenda und der Verein Wukania einen Verschenkemarkt auf dem Bahnhofsvorplatz, der wie die Bücherhaltestelle funktioniert: man kann viel verschenken und sich auch viel holen, alles ohne Geld.

Plakate der DDR und Künstler*innen aus Lobetal

Nicht zu vergessen, unsere vielen Ausstellungen, die inzwischen wie alle anderen Veranstaltungen von einer Planungsrunde beschlossen werden und von einem Organisationsteam vorbereitet werden. Alles ehrenamtlich, versteht sich. Großen Besucherandrang hatten wir bei den Ausstellungen zu Plakaten der DDR, die uns Sylke Wunderlich, Bahnhofsmitglied und Leiterin der „Stiftung Plakat Ost“ zur Verfügung gestellt hat. Zusammen mit dem Heimatverein haben wir eine Ausstellung zur Geschichte der Gegend um den Bahnhof herum kreiiert und dazu auch ein schönes Büchlein zusammengestellt. Künstler*innen der Hoffnungstaler Malgruppen haben zusammen mit der Künstlerin Heidrun Rueda 2013 im Bahnhof ihre Ausstellung „Bewegtsein“ gezeigt.

Viele von Ihnen waren vielleicht auch schon im Kulturbahnhof und haben ihren Geburtstag gefeiert oder an Seminaren oder Workshops teilgenommen.

 

Der Bahnhof bleibt in Bewegung: nach der Renovierung 2014 wollen wir nun endlich den letzten Schritt zur Barrierefreiheit machen und unsere Toiletten umbauen. Die Förderanträge sind gestellt, wir warten täglich sehnsüchtig auf die Zusage.

#entgleisungen und "Salon Ost"

Bewegung heißt auch, dass immer wieder neue Menschen zu uns stoßen, unsere Veranstaltungen besuchen und manchen von ihnen auch schon bald eigene Veranstaltungen anbieten. So hieß es im Juni 2017 in einer Ankündigung von Gerd Meise und Lars Behrends: „Experimenteller Pop, eigensinniger Folk oder forscher und forschender Rock - Musik neben der Spur und jeglicher Art findet zukünftig in der Veranstaltungsreihe „#entgleisungen“ im Kulturbahnhof Biesenthal ihre Bühne. Dieses Jahr im Oktober fand bereits das neunte Konzert dieser Reihe statt.
Zu guter Letzt möchte ich noch eine Reihe erwähnen, auf die wir auch sehr stolz sind: Daniel Kubiak, Biesenthaler und Soziologe an der Humboldt-Universität, hatte im Rahmen der Jubiläen von 30 Jahre Mauerfall bis 30 Jahre Wiedervereinigung ein Reihe für den Bahnhof konzipiert, die sich mit den verschiedenen Themen im privaten wie auch im politischen Bereich beschäftigte. Der „Salon Ost“ ist mit dem 3. Oktober dieses Jahres zuende gegangen.
Schade, dass wir nun mit Euch/Ihnen nicht feiern können.
Aber wir holen es nach!

Euer Kulturbahnhof